Lausitz plant Kohleausstieg 2038: Brandenburg will beim Umbau vorangehen

In der Lausitz soll bis zum Jahr 2038 das letzte Kohlekraftwerk vom Netz gehen. Damit steht eine Region vor einem tiefgreifenden Strukturwandel, weil sie seit Jahrzehnten stark von Braunkohle geprägt ist. Während Sachsen und Brandenburg gleichermaßen um den Umbau ringen, zeigt sich in Brandenburg nach Einschätzung vieler Beteiligter ein klarer Vorteil bei der Umsetzung.

Bis zum Jahr 2038 ist in der Lausitz Schluss mit dem Braunkohleabbau. Als Teil des Ausgleichs wurden der Region rund 17 Milliarden Euro für den Umbau der Wirtschaft in Aussicht gestellt. Entscheidend bleibt, ob das Geld tatsächlich bei den Vorhaben ankommt und dort Wirkung entfaltet.

Quick facts: Umbau in der Lausitz

  • Abschaltung der letzten Kohleanlage in der Lausitz bis spätestens 2038.
  • Strukturhilfen für die Region: 17 Milliarden Euro.
  • Aufbau in Spremberg: Werk für Wartung und Reparatur von Triebfahrzeugen sowie Güterwagen.
  • Förderung für dieses Werk: 2,75 Millionen Euro aus Bund und Land Brandenburg.
  • In Cottbus entsteht ein ICE-Instandhaltungswerk der Deutschen Bahn.
  • Geplante Fertigstellung im nächsten Jahr, Ziel: 1.200 Industriearbeitsplätze.
  • In der Lausitz entsteht mit der F60 eine bekannte Förderbrücke, die bei Jänschwalde erfolgreich gesprengt wurde.

In Spremberg (Brandenburg) entsteht derzeit eine Anlage, die auf die Wartung und Reparatur von Triebfahrzeugen und Güterwagen ausgelegt ist. Bund und das Land Brandenburg unterstützen den Aufbau mit 2,75 Millionen Euro. Das Vorhaben wird als zukunftsfähig beschrieben – genau das, was viele Menschen in der Region brauchen, die mit dem Kohleausstieg den wichtigsten Wirtschaftszweig verlieren.

Gerade für junge Leute gehe es darum, Perspektiven zu schaffen. Auszubildender Urz Krautz betont, die Ausbildung sei „super“, man könne sich „super qualifizieren“ und im Berufsfeld sei für die Zukunft „alles abgesichert“. Für ihn sei es deshalb nicht nur eine gute Ausbildung, sondern mache auch „auf jeden Fall Spaß“.

Auch im Tagebau Jänschwalde ist ein sichtbares Signal gesetzt worden: Dort wurde die Förderbrücke F60 erfolgreich gesprengt. Das Bauwerk gilt als längste bewegliche Arbeitsmaschine der Welt und ist zugleich unter dem Spitznamen „liegender Eiffelturm“ bekannt.

Sprembergs Bürgermeisterin: Industrie und Wirtschaft im Mittelpunkt

Im Industriepark Schwarze Pumpe haben sich inzwischen mehr als hundert Unternehmen angesiedelt – von der Papierherstellung bis zur Fertigung von Batterien. Rund 33 Millionen Euro seien bereits in eine bessere Infrastruktur geflossen. Dazu zählen modernisierte Bahnverbindungen und Zufahrtsstraßen.

Als nächster Schritt ist zudem ein Speicherkraftwerk geplant, um grünen Wasserstoff künftig industriell nutzbar zu machen. Sprembergs Bürgermeisterin Christine Herntier sieht Brandenburg im schwierigen Strukturwandel auf dem richtigen Kurs: Brandenburg habe „von Beginn an“ den Schwerpunkt darauf gelegt, die Infrastruktur für die Industrie und die Wirtschaft insgesamt zu stärken.

Sie stellt dem eine andere Entwicklung gegenüber: In Sachsen sei und werde viel Geld in Projekte gelenkt, bei denen „für die Bevölkerung besondere Orte geschaffen“ würden. Für Herntier ist entscheidend, dass der Schwerpunkt auf der Entwicklung von Wirtschaft und Industrie liegt – und nicht allein auf Einrichtungen oder Leuchtturmvorhaben.

Parallel steigt weltweit der Verbrauch klimaschädlicher Kohle. Die Internationale Energieagentur rechnet in diesem Jahr mit einem Rekordwert von 8,85 Milliarden Tonnen.

Cottbus: Projektleiter verweist auf entstehende Jobs

In Cottbus baut die Deutsche Bahn ein ICE-Instandhaltungswerk. Das Vorhaben entsteht in unmittelbarer Nachbarschaft von Kleingärten und Einfamilienhäusern. Projektleiter Carsten Burmeister habe den Anwohnern eine Lärmschutzwand zugesagt.

Zur Fertigstellung im kommenden Jahr sollen dort 1.200 Industriearbeitsplätze entstehen. Auch die Menschen vor Ort würden am Ende sehen, dass es darauf ankomme, dass neue Jobs entstehen, Wachstum entsteht und Wirtschaftskraft aufgebaut wird. Burmeister bezeichnet die brandenburgische Lausitz dabei als positives Beispiel für den Strukturwandel.

Die Brandenburgische Technische Universität soll derweil die dringend benötigten Ingenieurinnen und Ingenieure sowie Informatiker ausbilden. Zudem arbeitet sie mit Start-ups zusammen, etwa in Bereichen rund um „Werkstoffe der Zukunft“. Wissenschaftlich begleitet wird der Umbau in einem Zentrum für Strukturwandel und Regionalentwicklung (ZeStuR), das mit 16 Millionen Euro gefördert wird.

Ein weiteres Projekt prägt derzeit das Bild der Region: Mit 365 Metern entstehe in der Lausitz derzeit das größte Windrad der Welt. Es soll noch in diesem Jahr fertiggestellt werden.

Uni-Präsidentin: Fachkräfte bleiben Schlüssel – auch durch Zuzug

Gesine Grande, Präsidentin der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg, beschreibt den Umbau als abhängig von Fachkräften. Demografisch habe sich die Lage „einfach sehr schwierig“ entwickelt, sagt sie. In vielen umliegenden Landkreisen liege der Anteil an Kindern im bundesweiten Vergleich besonders niedrig.

Deshalb sei man darauf angewiesen, „Leute von außen hierher zu holen“. Grande fügt hinzu, fast jeder Zweite der mehr als 7.000 Studierenden komme aus dem Ausland. Derzeit kämen viele vor allem aus Indien, Pakistan und Bangladesch.

Für die Unipräsidentin wird es künftig darauf ankommen, zumindest einige dieser Studierenden in der Region zu halten. Ob ausreichend Fachkräfte gewonnen werden können, entscheide mit darüber, ob der Strukturwandel in Brandenburg erfolgreich verläuft.

Derweil bleibt der Kohleausstieg in der Lausitz auch in Brandenburgs Blick: Das Kraftwerk Boxberg soll im Zuge des Ausstiegs bis spätestens 2038 abgeschaltet werden. Wie es für die Beschäftigten in der Region weitergeht, bleibt laut den Darstellungen offen.

Sachsen: Strukturprojekte für die Bevölkerung kaum sichtbar

Auch in Sachsen sind bereits Mittel in die Strukturwandelregion geflossen: fast eine Milliarde Euro. Ein Großteil davon sei allerdings „gebunden“ – in 120 Projekten verplant, heißt es in der Darstellung. Das Problem: Das „Gebundensein“ zahle nicht auf das „Zuversichtskonto“ der Menschen ein.

Die Bevölkerung könne nicht sehen, dass für Millionen Euro OP-Roboter in Görlitz beschafft wurden. Ebenso werde die Investition in die Batteriefertigung, die hinter den Werktoren in Kamenz stattfindet, von außen kaum wahrgenommen. Auch Planungen für ein Zentrum für Astrophysik (DZA) in Görlitz seien für viele nicht sichtbar.

Sachsens Bürgermeister fordern „sichtbare Projekte“

In Boxberg steht Bürgermeister Hendryk Balko weiterhin auf einem ungenutzten Platz mitten in der Gemeinde. Das Kraftwerk am Ortsrand soll spätestens in zwölf Jahren abgeschaltet werden. Eigentlich hatte er vorgesehen, dass dort am Jahresende ein neues Gesundheitszentrum für die gesamte Region eröffnet wird.

Für Balko sollte das Projekt der „erste Ankerpunkt“ in den zahlreichen Vorhaben der Gemeinde im Strukturwandel sein. Es sei das „sichtbare“ Signal, an dem man erkennt: „Hier passiert etwas“, hier könne man sich wohlfühlen, die eigene Zukunft aufbauen und bleiben.

Doch Balko zufolge wartet Boxberg bis heute auf den Fördermittelbescheid. Zudem beschreibt er die Folgen der Vergangenheit: Jahrzehntelang sei Grundwasser aus den Tagebauen abgepumpt und in die Spree geleitet worden. Mit dem Ende der Braunkohle könnte dem Fluss bis zu 80 Prozent Wasser fehlen.

Martin Schautschik, Betriebsrat im Kraftwerk Boxberg, zeigt sich wütend. Er kritisiert, dass derzeit in der Zukunftsplanung zu viele Fragen offenblieben: Wo blieben die Ersatzarbeitsplätze? Wo seien die Investitionen nötig für Infrastruktur, Straße und Schiene – Punkte, die seit langem diskutiert würden, aber bisher nur als „heiße Luft“ in der Debatte auftauchten.

Infrastruktur-Ministerium: Verzahnung statt nur mehr Geld

Das zuständige Infrastruktur-Ministerium sieht ein Dilemma und hofft auf mehr Fortschritt in den kommenden Jahren. Es heißt, die Erwartungen in der Lausitz seien hoch, die verfügbaren Mittel trotz ihrer Größe jedoch endlich. Darum komme es nicht nur auf zusätzliche Gelder an, sondern vor allem auf Priorisierung, Strukturwirksamkeit und eine „kluge Verzahnung“.

Jahrelang sei klar gewesen, dass Kuckum verschwinden soll. Kohleausstieg und neue Klimaziele hätten das jedoch verändert: Das Dorf dürfe bleiben. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie es sich an einem Ort leben lässt, der längst als aufgegeben galt.

Ähnlich sieht es Katja Dietrich, Bürgermeisterin von Weißwasser. Sie kritisiert zu viele Einzelvorhaben, die zu wenige echte Arbeitsplätze schaffen. Zudem verweist sie darauf, dass in ihrer Stadt an der Abraumkante vor allem der Bund investieren wollte – nun mache er sich „einen schlanken Fuß“.

Dietrich fordert von der Bundesregierung, die Ernsthaftigkeit beizubehalten, mit der der Kohleausstieg begonnen worden sei. Viele Projekte seien vom Bund mitgegeben worden, doch die „Ernsthaftigkeit“ sei inzwischen „verloren gegangen“.

Jan Meier und Stefan Kelch berichten aus den ZDF-Studios in Brandenburg und Sachsen.

Die Lausitz und der Kohleausstieg im Überblick

Die Lausitz ist eine rund 13.000 Quadratkilometer große Region mit etwa 1,3 Millionen Einwohnern. Auf deutscher Seite erstreckt sie sich über den Nordosten Sachsens und den südlichen Teil Brandenburgs; außerdem gehören Teile Polens zur Region. Zu den bekanntesten Städten zählen Cottbus, Bautzen und Görlitz.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Lausitz zum größten Braunkohlerevier Deutschlands. Zehntausende Arbeiter zogen in die Region. Die sächsische Oberlausitz, die in die brandenburgische Lausitz hineinreicht, war für die DDR sowohl ein Energiezentrum mit Braunkohlevorkommen als auch ein Feriengebiet.

In Hochphasen förderten Braunkohlekombinate in der Lausitz jährlich bis zu 200 Millionen Tonnen Kohle. In der DDR-Wirtschaft galt Braunkohle als wichtigster Energieträger. Nach der Wende ging die Förderung deutlich zurück. 2020 wurde beschlossen, die Kohleverstromung spätestens bis 2038 zu beenden.

Für die Zeit bis 2038 sind für die Braunkohlereviere in der Lausitz, in Mitteldeutschland und im Rheinland insgesamt bis zu 40 Milliarden Euro vorgesehen. Das Geld soll helfen, die wirtschaftlichen und sozialen Folgen des Ausstiegs abzufedern.

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