Drohnenangriff auf Moskau: Kreml gerät politisch unter Druck

Die Ukraine hat Moskau mit einem der größten Drohnenangriffe seit Beginn des Krieges attackiert. Während die russische Flugabwehr offenbar nur einen Teil der Angriffe abfangen konnte, entstand politischer Schaden, der in Russland kaum zu verbergen sein dürfte.

Größter Drohnenangriff seit Kriegsbeginn

Nach Angaben aus Moskau wurden über 1.000 Drohnen abgefangen. In der Darstellung aus der Ukraine heißt es, der Angriff habe aus „Hunderte“ von Drohnen bestanden. Der Moskauer Bürgermeister Sergei Sobjanin erklärte, mehr als 120 Drohnen seien abgeschossen worden.

In der Nacht und am Morgen des 17. Mai startete die Ukraine den bislang größten Drohnenangriff gegen die russische Hauptstadt. Augenzeugen und Berichte schilderten, dass auch in verschiedenen Stadtteilen Explosionen zu hören waren.

Treffer in Moskau und in der Region: Öl- und Wohnanlagen betroffen

Besonders stark getroffen wurden in Moskau die Gegenden Kurkino und Chimki. Gleichzeitig gab es auch an anderen Orten der Stadt Detonationen. Vor allem Wohngebäude erlitten Schäden.

Auch außerhalb der Stadt kam es zu Angriffen: In der Region Moskau wurden zwei Ölanlagen angegriffen. An der Ölpumpstation Solnechnogorskaya wurde ein Öltank direkt getroffen; ein weiterer geriet in Brand. Zudem wurde die Ölpumpstation Wolodarskoje getroffen. In den Vororten wurden außerdem einzelne Datschen beschädigt, etwa in Tuchkowo.

  • In mehreren Stadtbereichen wurden Explosionen gemeldet; Wohnhäuser wurden insbesondere in Mitleidenschaft gezogen.
  • In der Region Moskau kam es zu Treffern an Ölpumpstationen, darunter ein direkter Treffer an einem Öltank sowie ein Brand.
  • Auch Vororte waren betroffen, etwa durch Schäden an Datschen in Tuchkowo.

Angriffe überraschten – Flugabwehr offenbar überfordert

Nach Berichten von Augenzeugen trafen die Angriffe überraschend ein. Ein Luftalarm habe es demnach nicht gegeben. Das habe bei vielen Menschen den Eindruck verstärkt, die Hauptstadt sei nicht vorbereitet gewesen.

Die Verteidigung gegen Drohnen dieser Größenordnung scheint laut bisherigen Informationen nicht ausgereicht zu haben. Zwar seien mehrere anfliegende Drohnen abgeschossen worden oder durch elektronische Gegenmaßnahmen außer Gefecht gesetzt worden, dennoch kam es zu zahlreichen Treffern. Bisher war die Rede von drei Toten und Dutzenden Verletzten.

  • Kein Luftalarm vor Beginn: Viele Anwohner wirkten offenbar unvorbereitet.
  • Mehrere Drohnen wurden zwar abgewehrt, gleichwohl gab es zahlreiche Einschläge.
  • Nach den bislang vorliegenden Angaben: drei Tote und Dutzende Verletzte.

Warum der Angriff politisch wirkt – mögliche Reaktion auf Kiews Vorstoß

Die materielle Bilanz wird insgesamt als begrenzt beschrieben; wichtiger sei die politische Wirkung. Seit dem Zweiten Weltkrieg habe es in Moskau keine Todesopfer durch Luftangriffe von außen gegeben. Zudem habe der Angriff in der Nacht begonnen und sich über mehrere Stunden bis in den Morgen gezogen – dadurch sei für viele Menschen sichtbar geworden, was geschah.

In dieser Größenordnung könne der Kreml die Geschehnisse der Öffentlichkeit nicht mehr entziehen. Auch die großen Medien in Russland hätten den Angriff nicht anders als mit prominenter Berichterstattung auf ihren Titelseiten darstellen müssen.

Ein Militärexperte sagte im Kontext der Ereignisse: „Die Fliegerabwehrschutz der Russen wird dünner.“

Wie es zu der Attacke gekommen sein könnte, wird ebenfalls eingeordnet: Der Angriff sei höchstwahrscheinlich eine direkte Antwort auf Russlands bislang größten Luftangriff auf die Ukraine gewesen, der vom 13. bis 15. Mai stattfand. Nach diesem Vorstoß habe die ukrainische Führung offen angedeutet, sie werde reagieren – zwei Tage später wurden Moskau sowie die Region Moskau getroffen.

Auch aus Sicht der Ukraine wird der Charakter der Angriffe beschrieben: Ziel sei die Zerstörung der russischen Öl- und Rüstungsindustrie. In diesem Zusammenhang hieß es aus Kiew, die Luftschläge tief in Russland hinein dienten genau diesem Zweck.

  • Der politische Effekt wird als größer bewertet als der materielle Schaden.
  • In Moskau habe es seit dem Zweiten Weltkrieg keine Luftangriffe mit Todesopfern gegeben.
  • Die Dauer über Nacht bis in den Morgen habe die Wirkung für die Bevölkerung verstärkt.
  • Als möglicher Auslöser gilt Russlands großer Luftangriff auf die Ukraine (13. bis 15. Mai) und die angekündigte ukrainische Antwort.

Einordnung aus Kiew und Reaktionen in Russland

Aus Kiew wurde der Angriff als einer der schwersten seit Beginn des Krieges beschrieben. Russland soll dabei unter anderem mit hunderten Drohnen angegriffen haben. In der Hauptstadt wurde zudem ein Trauertag ausgerufen.

Während die Ukraine die Lage durch die eingesetzte Reichweite ihrer Waffen beeinflusst sehen will, wird dies von einem Militärexperten so eingeordnet, dass sich der Ukraine „neue Möglichkeiten“ eröffnen würden.

Russland reagiert auf die Angriffe auf Moskau nicht mit Zurückhaltung. Deeskalation durch Eskalation wird als fester Bestandteil des russischen Militärdenkens dargestellt. Auch im Umfeld von Präsident Wladimir Putin würden laut Einschätzungen radikale Kräfte einer Aussetzung oder Reduzierung der Schläge auf Kiew nicht zustimmen.

In diesem Zusammenhang wird auf weitere Angriffe verwiesen: Russland habe bereits zum Wochenstart acht Regionen der Ukraine mit Drohnen und Raketen angegriffen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, in der Nacht zum Montag seien 524 Angriffsdrohnen sowie 22 ballistische Raketen und Marschflugkörper eingesetzt worden. Besonders viele Angriffe hätten sich auf Dnipro und die angrenzende Region Dnipropetrowsk im Zentrum des Landes gerichtet. Nach Angaben des ukrainischen Rettungsdienstes wurden mehr als zwei Dutzend Menschen verletzt, darunter auch Kinder.

Parallel dazu wird in Russland ein wachsender Unmut beschrieben: Die Wirtschaft schwächele, und der Krieg gegen die Ukraine ziehe sich hin. Zudem wird berichtet, Putin solle aus Angst vor Anschlägen und Putschversuchen viel Zeit in Bunkern verbringen.

Einordnung von Experten und weitere Hinweise

Dr. Christian Mölling ist Senior Advisor beim European Policy Centre. Er forscht und publiziert seit über 20 Jahren zu Fragen der Sicherheit und Verteidigung, zu Rüstung sowie Technologie, und außerdem zu Stabilisierung und Krisenmanagement. Für ZDFheute analysiert er regelmäßig die militärischen Entwicklungen im Ukraine-Konflikt.

Dr. András Rácz ist Associate Fellow im Programm Sicherheit und Verteidigung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Er forscht und publiziert zu Streitkräften in Osteuropa und Russland sowie zur hybriden Kriegsführung.

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