DFB-Chef Neuendorf zur WM: Sicherheitslage, Politik und Ticketpreise im Blick

Bernd Neuendorf, seit 2022 Chef des Deutschen Fußball-Bundes, blickt kurz vor dem Start der Fußball-Weltmeisterschaft in Nordamerika nicht nur auf sportliche Fragen, sondern auch auf politische Spannungen, Sicherheitslagen und die Preisdebatte um Tickets. Im Interview spricht der frühere Journalist und Sozialdemokrat darüber, warum er die Entwicklung in den USA besonders aufmerksam verfolgt – und wie der DFB zugleich an seinen demokratischen Werten festhält.

Neuendorf war vergangene Woche in Köln, um als Spitzenfunktionär des deutschen Fußballs den Endspieltag im Frauen-Pokal zu leiten. Wie bei vielen Verantwortlichen im Sport dürfte seine Aufmerksamkeit jedoch längst auf das Großereignis im nächsten Monat gerichtet sein: die Weltmeisterschaft in den USA, in Mexiko und in Kanada. Das Turnier war lange geplant, steht nun aber zugleich unter dem Eindruck innerstaatlicher Konflikte und globaler Unsicherheiten.

Der 2022 zum DFB-Chef gewählte Bernd Neuendorf stammt aus dem Umfeld von Medien und Politik. Zuvor war er Journalist und in seiner Heimatpartei, der sozialdemokratischen Linie, in Funktionen tätig. In seiner aktuellen Rolle sitzt er außerdem in Gremien des Weltverbandes sowie im europäischen Bereich: Er ist Mitglied im FIFA Council und im Exekutivorgan der UEFA. In Köln sprach Neuendorf mit BILD, einem Teil des Axel-Springer-Netzwerks von Global Reporters.

Für sein einziges Interview vor der Sommer-WM in den USA, in Mexiko und in Kanada nahm Neuendorf Stellung zu mehreren Themen: Er kritisiert die Ticketpreise, äußert sich vorsichtig zur politischen Lage in den Vereinigten Staaten und betont, Deutschland müsse sowohl auf dem Platz als auch außerhalb davon erkennbar zu demokratischen Grundwerten stehen. Das Gespräch wurde aus dem Deutschen übertragen und für Länge sowie Klarheit redigiert.

Ausgangspunkt der Debatte ist die Kritik an den Ticketkosten. Uli Hoeneß, Präsident des Spitzenklubs Bayern München, sagte, ihm schlage bei den extrem hohen Preisen regelrecht „auf die Haut“. Neuendorf schließt sich dieser Haltung an: Er hält die Preisstrategie für problematisch. Fußball, so seine Argumentation, sei Identität und Gemeinschaft – deshalb dürfe er nicht nur für wenige finanzierbar sein, sondern auch für Menschen mit normalen Einkommen. Besonders treibt ihn dabei der unregulierte Zweitmarkt, über den sich Preise zusätzlich nach oben schieben. Neuendorf fordert deshalb, dass FIFA für die nächste Weltmeisterschaft im Jahr 2030 zu einer anderen Preispolitik zurückkehrt, um die treuesten Fans nicht zu verlieren.

Auf die Frage, ob ein deutscher Auftakt vergleichbar teuer sein könnte, verweist Neuendorf auf die Realität vieler Anhänger. Als Vergleich dient die Beschwerde von US-Präsident Donald Trump, er würde für das Auftaktspiel der USA gegen Paraguay keinen Betrag in Höhe von 1.000 US-Dollar zahlen. Neuendorf antwortet darauf, dass er als „normaler Fan“ es vermutlich ebenfalls nicht täte – schon allein, weil neben dem Ticket weitere Ausgaben wie Reise, Unterkunft und teure Transportwege hinzukämen.

Auch die Vorwürfe gegen den Weltverband werden angesprochen. Sepp Blatter hatte behauptet, FIFA interessiere sich inzwischen nur noch für Geld und nicht mehr fürs Spiel. Neuendorf, selbst Mitglied im FIFA Council, widerspricht nicht der Tatsache, dass in einem Turnier erhebliche Einnahmen entstehen. Er betont aber: Das sei nicht neu. Bereits zu Blatters Zeiten habe FIFA große Erlöse erzielt. Entscheidend sei am Ende, wofür das Geld eingesetzt wird. Es fließe in die Entwicklung des Fußballs und komme über unterschiedliche Programme den 211 Mitgliedsverbänden zugute. Fortschritte ließen sich etwa an Nationalteams wie Curaçao oder Kap Verde zeigen, die sich zum ersten Mal für eine Weltmeisterschaft qualifiziert hätten.

Hoeneß hatte zudem gesagt, „vernünftige Deutsche“ würden wegen der Kosten nicht einmal reisen. Neuendorf widerspricht dieser pauschalen Einschätzung. Nach den Informationen, die er von FIFA erhalte, sei die Nachfrage aus Deutschland hoch. Trotz der Ausgaben gebe es offenbar viele Menschen, die trotzdem fahren wollten, um die Mannschaft vor Ort zu unterstützen.

Für Fans stellt sich dennoch eine praktische Frage: Was erwartet sie bei der Anreise? Neuendorf verweist auf eine mögliche Verschärfung der Kontrollen. Konkret geht es um intensivere Überprüfungen, ob Personen auf Social Media Trump kritisiert hätten, im schlimmsten Fall auch um die Möglichkeit, abgewiesen zu werden. Er sagt, der DFB beobachte die Lage sehr eng und stehe im Austausch mit dem Auswärtigen Amt, der Deutschen Botschaft in Washington sowie den zuständigen Generalkonsulaten in den Gastgeberstädten, um so viel Information wie möglich zu sammeln. Nach derzeitigen Erkenntnissen gebe es keine Hinweise auf Probleme oder Einschränkungen. Zudem existierten keine Reisewarnungen für bestimmte Gruppen, darunter für die LGBTQIA+-Community.

Ein weiterer Punkt ist der ungewöhnliche Turnierplan. Wer zu Hause bleibt, müsse sich auf 13 verschiedene Anstoßzeiten in der Gruppenphase einstellen, einige davon mitten in der Nacht. Neuendorf erklärt, warum das so ist: Die Weltmeisterschaft findet in drei Ländern statt, die innerhalb ihrer Grenzen bereits unterschiedliche Zeitzonen haben. Von Beginn an sei klar gewesen, dass Spiele europäischer Teams nicht immer zur Prime-Time in Europa stattfinden. Auch wenn viele starke Mannschaften aus Europa dabei sind, sei das Turnier „für die ganze Welt“ gedacht – daher müsse man die Anstoßzeiten nicht als Affront verstehen.

Auch das Rahmenprogramm wirft Fragen auf. Während der verlängerten Halbzeitpause des Endspiels am 19. Juli soll FIFA-Präsident Gianni Infantino zufolge „das größte Spektakel der Erde“ stattfinden: Ein Konzert mit Madonna, Shakira und BTS. Neuendorf zeigt sich dazu pragmatisch: Das Showelement sei Teil des Sports in den USA. Ob man es mag, müsse nicht jeder. Wenn man das Programm nicht sehen wolle, könne man sich zur Halbzeit auch etwas zu trinken holen – damit sei die eigene Entscheidung bei den Fans.

Ein besonders sensibles Thema betrifft zudem Einreisebeschränkungen. Die USA lassen demnach Fans aus Ländern nicht in das Land, die an der Weltmeisterschaft mit Mannschaften aus Afrika, Asien und der Karibik beteiligt sind. Neuendorf sagt, er wünsche sich, dass möglichst viele Anhänger aus allen 48 qualifizierten Nationen vor Ort sein können. Gleichzeitig müsse man akzeptieren, dass souveräne Staaten ihre eigenen Regeln für die Einreise festlegen – das gelte für Deutschland ebenso wie für die Vereinigten Staaten. Für FIFA sei es aber sinnvoll, jetzt mit den US-Behörden darüber zu sprechen, wie ein Turnier organisiert werden könne, das für Fans so offen wie möglich sei. Ob die USA dem am Ende zustimmen, liege jedoch allein bei ihnen.

Die nächste Frage dreht sich um die iranische Mannschaft. Das Team sei bereits zu einem Trainingslager in die Türkei aufgebrochen. Unklar sei jedoch weiterhin, ob alle Spieler, Trainer und Funktionäre rechtzeitig Visa für die USA erhalten. Mehrere Mitglieder der Delegation stehen demnach im Verdacht, Verbindungen zur Islamischen Revolutionsgarde zu haben, die auf der US-Liste terroristischer Organisationen steht. Neuendorf geht auf die Forderungen ein: Es gebe offenbar zehn Punkte, die Iran stellt. Dazu zählen ein reibungsloser Ablauf bei der Visavergabe, Respekt für Flagge und Nationalhymne des Landes sowie Zusagen für Sicherheit an Flughäfen und Hotels. Er verweist außerdem auf die Aussagen Infantinos beim jüngsten FIFA-Kongress in Vancouver, bei dem dieser optimistisch gewesen sei, dass Iran teilnimmt. Einen Automatismus sieht Neuendorf nicht. Ein Teil der iranischen Delegation sei bereits von der Einreise nach Kanada ausgeschlossen worden. Nun seien Gespräche zwischen FIFA und dem iranischen Fußballverband zu erwarten. Neuendorf hofft, dass Infantino Recht behält und Iran am Turnier tatsächlich teilnimmt.

Was wäre, falls Iran doch abspringen sollte? Neuendorf sagt, die Regeln seien eindeutig: Dann entscheidet der FIFA Council. In Vancouver habe man darüber nicht gesprochen – und zwar gerade deshalb, weil Infantino überzeugt sei, dass Iran mitspielt. Sollte es dennoch scheitern, müsse der FIFA Council sehr schnell einberufen werden.

Wegen möglicher Menschenrechtsverletzungen äußern zudem zahlreiche Organisationen Sorge, insbesondere im Zusammenhang mit der umstrittenen US-Behörde ICE. Neuendorf sagt, er hoffe, dass alles friedlich bleibt. Man könne nichts ausschließen, weil die politische Lage angespannt und in Bewegung sei. Er bezieht sich dabei auf das, was in Minnesota gesehen wurde, und sagt, das habe viele Menschen zurecht erschüttert und wütend gemacht. Er würde es begrüßen, wenn US-Außenminister Marco Rubio bei seinem Versprechen bleibt, dass keine ICE-Beamten in den WM-Stadien eingesetzt werden.

Im Anschluss wird die Friedenspreis-Debatte aufgegriffen. Soll Donald Trump, so die Frage, aus dem Friedenspreis herausgenommen werden, den Infantino ihm verliehen habe? Neuendorf sagt, er verstehe den Einwand, müsse jedoch fair bleiben. Trump habe die Auszeichnung kurz nachdem ein Waffenstillstand zwischen Israel und den Palästinensern im Gazastreifen erreicht worden sei erhalten. Ohne die USA wäre ein solcher Schritt seiner Ansicht nach nicht möglich gewesen. Gleichzeitig hätten große internationale Gremien Forderungen geprüft, Israel von Wettkämpfen auf internationaler Ebene auszuschließen, ausgelöst durch das militärische Vorgehen in Gaza. Neuendorf erklärt, er sei dagegen gewesen, weshalb er froh gewesen sei, dass diese Forderungen aufgrund der Einigung keine Rolle mehr gespielt hätten. Als Historiker und mit Blick auf die Geschichte Deutschlands sieht er eine besondere Verantwortung gegenüber dem Staat Israel.

Auch Infantinos gescheiterter Versuch wird diskutiert, die Präsidenten der israelischen und der palästinensischen Verbände während des FIFA-Kongresses in Vancouver auf einer Bühne zusammenzubringen. Neuendorf bezeichnet es als ehrenhafte Idee, Fußball einzusetzen, um etwas Dampf aus dem Konflikt zu nehmen. Zugleich stellt sich die Frage, ob es auf einer offenen Bühne hätte geschehen sollen oder vielleicht diplomatischer im Hintergrund. In dem Moment, so sein Fazit, habe es keine Gewinner gegeben. Er glaube jedoch, dass Infantino sich dem Thema wirklich verpflichtet fühle – und genau dafür verdiene er auch Anerkennung.

Zur anhaltenden Kritik an Infantino wegen seiner Nähe zu Trump sagt Neuendorf: Das sei grundsätzlich kein Vorwurf, den man pauschal erheben sollte. Er geht sogar so weit, zu sagen, es sei notwendig. Wer Präsident einer großen Organisation sei – etwa FIFA, UEFA oder des DFB – müsse mit politischen Führungspersönlichkeiten sprechen und zusammenarbeiten. Er nennt ein Beispiel aus Deutschland: Bei der Austragung der Europameisterschaft 2024 habe man viele Gespräche in Berlin gemeinsam mit der UEFA geführt, unter anderem zu Sicherheitsfragen, Verkehr und der wirtschaftlichen Ausrichtung. Für die Frauen-EM 2029 werde eine sehr enge Abstimmung mit Politikern ebenfalls nötig sein. Das sei Teil professioneller Kooperation.

Ob ein Treffen zwischen Neuendorf und Trump während der Weltmeisterschaft geplant sei, wird ebenso gefragt. Neuendorf sagt, eine solche Konstellation halte er für sehr unwahrscheinlich. Falls der FIFA Council jedoch eine Einladung erhalte, würde er sich als Mitglied daran halten. Gleichzeitig macht er klar: Politische Themen würden dort nicht ausgehandelt. Dafür sei die Bundesregierung zuständig.

Während des Turniers werde man ausdrücklich darauf verzichten, zu tagesaktuellen politischen Entwicklungen in den USA oder anderswo Stellung zu nehmen. Neuendorf formuliert es zugespitzt: Er werde nicht auf jeden Beitrag von Donald Trump reagieren. Dennoch könnten sich Menschen darauf verlassen, dass der DFB – und er persönlich – einen klaren moralischen Kompass habe und diesen nicht aufgeben werde. Der Verband stehe überall für die liberale Rechtsordnung und für die parlamentarische Demokratie. Ebenso stünden Toleranz, Respekt und Vielfalt im Mittelpunkt. Das sei nicht nur in den Statuten verankert, sondern werde tagtäglich gelebt.

Zum politischen Besuchsprogramm wird schließlich berichtet: Vom Kanzleramt gebe es bereits eine Bestätigung, dass der Staatsminister für Sport und Ehrenamt, Dr. Christiane Schenderlein, bei der Veranstaltung dabei sein werde. Ob die Bundeskanzlerin selbst komme, sei jedoch offen. Neuendorf geht davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit steige, je weiter die Mannschaft im Turnier vorankomme. Da man optimistisch sei, rechnet er damit, dass Friedrich Merz irgendwann die Reise antreten könnte.