Femizide gehören in Mexiko, einem der Gastgeberstaaten der diesjährigen Fußball-Weltmeisterschaft, für viele Menschen zum erschütternden Alltag. Besonders empörend: Täter kommen häufig ohne spürbare Konsequenzen davon. Während das Land nach außen als Austragungsort auftritt, bleibt das Ausmaß der Gewalt gegen Frauen im Inneren ein tiefes gesellschaftliches Problem.
Im Durchschnitt werden in Mexiko täglich zehn Frauen getötet, meist durch Partner oder Menschen aus dem familiären Umfeld. Die Gründe dafür sind unterschiedlich gelagert, doch ein zentraler Faktor bleibt die Straflosigkeit. Nur ein kleiner Teil der Tötungsdelikte wird aufgeklärt: Lediglich in zehn Prozent der Fälle führt die Ermittlungsarbeit zu einem Ergebnis, das die Tat juristisch klärt.
Rund zehn ermordete Frauen pro Tag zeigen, wie groß die Not ist – und zugleich, wie schwierig die Suche nach wirksamen Antworten. Mexiko kennt das Ausmaß des Problems, doch bislang sind keine nachhaltigen Lösungen in Sicht. Zwar wurden die gesetzlichen Rahmenbedingungen in den vergangenen Jahren mehrfach verschärft, aber der Alltag der Betroffenen und ihrer Angehörigen hat sich dadurch nicht entscheidend verbessert.
Ermittlungen, die nicht zu Rechenschaft führen
Die Journalistin Brenda Martinez beschäftigt sich seit Jahren mit Femiziden, also mit Tötungen von Frauen und Mädchen, die mit dem Geschlecht der Opfer zusammenhängen. In ihrer Recherche stößt sie immer wieder auf dieselben Hindernisse: ihrer Darstellung zufolge bleiben Ermittlungen oft oberflächlich, Behörden agierten unzureichend, und korrupte Strukturen im Bereich der Strafverfolgung würden die Aufklärung zusätzlich erschweren.
Der internationale Aktionstag gegen Gewalt an Frauen macht zugleich auf eine globale Dimension aufmerksam: Alle zehn Minuten werde weltweit eine Frau durch Gewalt in Partnerschaft oder Familie getötet. Der Blick auf einzelne Länder verdeutlicht dabei, wie eng individuelle Schicksale mit strukturellen Versäumnissen verknüpft sind.
Ein Beispiel ist der Fall von Daniela. Die Juristin aus Mexiko-Stadt wurde in der Silvesternacht 2022 tot aufgefunden und erlangte dadurch traurige Bekanntheit als erster dokumentierter Femizid im neuen Jahr. Mehr als eintausend Tage ermitteln die Behörden, ohne dass es zu einer juristischen Verantwortlichkeit gekommen ist. Ihre Mutter Ana Torres erhebt schwere Vorwürfe: „Die Behörden kommen einfach nicht voran. Erst hieß es Selbstmord, dann: ein ‚Unfall‘.“
„Man wird traumatisiert und verletzt“
Torres betont, dass an Daniels Körper eindeutige Verletzungen festgestellt worden seien: eingeschlagener Schädel und eine durchtrennte Kehle. Selbstmord oder ein Unglück – diese Erklärungen seien nach ihrer Einschätzung praktisch ausgeschlossen. Während sie weiter um Gerechtigkeit kämpft, beschreibt sie vor allem die emotionale Belastung durch das Warten auf Antworten: „Man wird traumatisiert und verletzt, kommt weinend nach Hause – nur um am Ende keine Antwort zu bekommen.“
Viele Frauenmorde in Mexiko bleiben ungeklärt. Mit der Trauer um eine geliebte Person verbindet sich dadurch häufig auch Wut und Enttäuschung über die Justiz. Ana Torres ist überzeugt, dass Angehörige des früheren Freundes ihrer Tochter hinter der Tötung stecken. Daniela habe an Silvester gefeiert, und Nachbarn hätten lauten Streit aus der Wohnung gehört.
In der Dokumentation „104 getötete Frauen, drei Geschichten“ berichten Angehörige, Kinder und Freunde von ihren Erlebnissen. Die Doku mit Jochen Breyer ordnet dabei Muster, Warnsignale und Versäumnisse ein, die sich aus Sicht vieler Betroffener immer wiederholen.
Auch Martinez sieht in dem Vorgang einen typischen Fall. Nach ihrer Einschätzung bleiben neun von zehn Morden in Mexiko ohne Aufklärung. Für viele Täter spiele dabei eine konkrete Erfahrung eine Rolle: Sie erleben, dass Konsequenzen selten sind. Die weit verbreitete Straflosigkeit, so die zentrale Kritik, verstärke die Gewalt statt sie zu stoppen.
Zu dieser Problemlage komme eine Kombination aus Korruption und Ermittlungen, die häufig als dilettantisch und wenig engagiert beschrieben werden. Für einen Gastgeber der kommenden Weltmeisterschaft ergibt sich daraus eine besonders erschreckende Bilanz. Mexiko sei zudem ohnehin von Gewalt geprägt: Im Kampf des Staates gegen mächtige Drogenkartelle starben in den vergangenen zwei Jahrzehnten rund 450.000 Menschen gewaltsam. In diesem Klima sinke oft die Hemmschwelle, Gewalt auch gegen Frauen anzuwenden.
Zum Vergleich wird auch auf Deutschland verwiesen: Dort liege die Zahl der Femizide im Schnitt bei etwa 150 Fällen pro Jahr, wobei die konkrete Erfassung von der jeweiligen Definition abhängt.
Machismo als zentrale Ursache
Brenda Martinez ordnet die Ursachen als vielschichtig ein. Eine wichtige Rolle spiele dabei der Machismo, also die Vorstellung männlicher Überlegenheit und die Überzeugung, Macht über Körper und Leben einer anderen Person zu besitzen – oder die Betroffenen als Objekt zu betrachten. Neben dieser Haltung nennt sie auch Verrohung, Armut sowie den wirtschaftlichen Existenzdruck als wesentliche Faktoren.
Jennifer Weist spricht über Gewalt in Beziehungen und will Betroffenen eine Stimme geben. Im Mittelpunkt stehen dabei Fragen, die viele Opfer umtreiben: Wie lässt sich aus toxischen Mustern ausbrechen? Welche Therapien und Hilfen können Menschen unterstützen, die Gewalt erlebt haben – und auch diejenigen, die sie ausgeübt haben?
Seit gut eineinhalb Jahren wird Mexiko erstmals in seiner Geschichte von einer Frau regiert. Dennoch wurde auch Präsidentin Claudia Sheinbaum Opfer eines Übergriffs: Im Herbst fasste ein fremder Mann sie in aller Öffentlichkeit an die Brust. „Wir hoffen, dass die Präsidentin uns unterstützt“, heißt es in dem Zusammenhang. Der Grund: Sie habe selbst erfahren, wie verletzlich Frauen auf offener Straße sind.
Hoffnung soll zudem aus Projekten wie dem von Dayra Fyah kommen. Die 38-Jährige suchte nach einem Selbstverteidigungskurs, nachdem ihre Tochter begonnen hatte, auszugehen. Da es in ihrem Umfeld keinen passenden Kurs gab, nahm Fyah die Sache selbst in die Hand. Heute bringt sie Frauen in ihrer Wohngegend bei, wie sie sich wehren können – sei es durch Flucht, durch verbale Abwehr oder im Notfall auch körperlich.
Selbstverteidigung in einem System der Gewalt: In Mexiko lernen Frauen dadurch, sich gegen alltägliche Bedrohungen zu schützen. Fyahs Leitgedanke lautet, nicht länger zum Opfer zu werden. „Wir alle wollen nicht dauerhaft in diesen Zuständen von Gewalt leben. Sondern wir sagen: Wir halten zusammen, und gemeinsam können wir Dinge verändern. Wir sind im Kampf, wir sind im Widerstand.“
Fast täglich stirbt eine Frau durch die Gewalt eines Mannes. In Spanien setzt die Polizei nach entsprechenden Angaben zudem auf ein Vorgehen, bei dem Risikobewertungs-Software, Berufserfahrung und Fußfesseln eingesetzt werden, um drohende Femizide frühzeitig zu verhindern. Fyah stellt dem die Situation in Mexiko gegenüber: „Mexiko opfere seine Töchter Tag für Tag.“ Zugleich warnt sie davor, dass sich diese Geschichte immer weiter fortschreiben darf. Dafür müssten Frauen im Land mit Stärke und Mut vorangehen.