Viele junge Menschen wenden sich entweder der Linken oder der AfD zu. Die Frage, ob CDU und Grüne damit an Attraktivität verlieren, stand im Mittelpunkt einer Live-Debatte bei ZDFheute im Rahmen der re:publica. Ricarda Lang, Philipp Amthor und der Politik-Influencer Vincent-G diskutierten dort mit ZDF-Hauptstadtkorrespondent Wulf Schmiese sowie Moderatorin Victoria Reichelt.
Debatte mit Amthor, Lang und Influencer: Parteien für Gen Z: „Es wirkt wie ein Unfall“
Die Sendung wurde bei ZDFheute live in voller Länge ausgestrahlt.
Die politische Stimmung in Deutschland befindet sich nach Einschätzung der Diskutierenden im Wandel. Besonders bei Wahlberechtigten zwischen 18 und 29 Jahren hätten die Parteien der Mitte spürbar an Rückhalt verloren, während die Ränder zugleich Zulauf erhalten.
Im Gespräch bei ZDFheute live ging es um die Ursachen dieser Entfremdung sowie um mögliche Wege zurück zu mehr Zustimmung. Diskutiert wurden Hintergründe und Perspektiven mit Blick auf die politische Mitte und deren Wirkung auf junge Wählerinnen und Wähler.
Vincent-G: Fehlt an Inhalten, die junge Menschen betreffen
Vincent-G machte in der Debatte deutlich, wie er die etablierte Politik wahrnimmt. Das Auftreten der Parteien und der Streit innerhalb der politischen Debatte wirkten auf junge Menschen abschreckend.
„Es wirkt wirklich wie ein Unfall, sich das anzuschauen.“
Nach Darstellung des Influencers fehlt es den etablierten Akteuren vor allem an Themen, die die Lebenswirklichkeit der eigenen Altersgruppe ausreichend abbilden. Wo Substanz fehle, bleibe die politische Kommunikation schnell bei oberflächlichen Formaten hängen, die eher an „TikTok-Tänze“ und „Aktenkoffer“ erinnerten.
Vincent-G kritisierte außerdem die Prioritäten: Die Politik richte sich demnach vor allem nach den Interessen der zahlenmäßig stärkeren „Boomer“-Generation, während die Belange der Jüngeren etwa beim Klimaschutz oder bei Fragen sozialer Umverteilung zu kurz kämen.
Dadurch entstehe bei jungen Menschen leicht der Eindruck, „auf ihre Existenz würde drauf geschissen“. Auch die Strukturen in der Parteiarbeit vor Ort seien wenig einladend: Ein „Kaffeeklatsch mit Leuten in ihrem Lebensabend“ sei kein Angebot, das junge Leute überzeugend erreiche.
Vincent-G, Ricarda Lang, Victoria Reichelt, Philipp Amthor und Wulf Schmiese (v.l.) beim Talk auf Stage 2 auf der re:publica 2026 in Berlin.
Philipp Amthor: Plädoyer für den Ausgleich und das Aufstiegsversprechen
Philipp Amthor, Staatssekretär im Digitalministerium (CDU), widersprach und stellte die Bedeutung klassischer Parteiarbeit für die demokratische Willensbildung in den Vordergrund. Die CDU sei unter Friedrich Merz wieder zur mitgliederstärksten Partei Deutschlands geworden. Gleichzeitig räumte Amthor ein, dass junge Menschen in den Strukturen der Partei bislang unterrepräsentiert seien.
Er warnte jedoch davor, Parteien allein negativ zu betrachten. Entscheidend sei, dass Menschen selbst mitwirkten, statt sich von anderen vertreten zu lassen. Für Amthor steht die politische Mitte dabei für die Fähigkeit, Gegensätze auszugleichen.
„Die Grundidee der Mitte ist nicht ein geographischer Ort, sondern die Grundidee der Mitte ist, Dinge zu einem Ausgleich zu bringen.“
Philipp Amthor (CDU), Staatssekretär im Digitalministerium
Amthor ist der Ansicht, die Union müsse junge Menschen nicht über Spezialangebote überzeugen, sondern mit einem glaubwürdigen „Aufstiegsversprechen“. Dazu gehörten seiner Darstellung nach Themen wie Bildung, Freiheit und Leistungsgerechtigkeit. Zudem forderte er, dass Abgeordnete im Parlament wieder mehr Leidenschaft zeigen sollten, statt überwiegend Manuskripte vorzulesen.
Während der re:publica in Berlin ein Zuschauer junge Menschen dafür kritisierte, sich zu wenig politisch zu engagieren, sah Vincent-G diese Einschätzung anders.
Ricarda Lang: Mut zur Vision statt Verteidigung des Status quo
Ricarda Lang, ehemalige Grünen-Vorsitzende, zeigte sich in der Debatte selbstkritisch. Sie sagte, jede Partei, die in den vergangenen Jahren in der Regierung gewesen sei, habe aus ihrer Sicht zu wenig für junge Menschen erreicht.
Ricarda Lang (Grüne), Mitglied des Bundestages
Lang kritisierte zudem, dass Politik in vielen Fällen stark vom laufenden Blick auf anstehende Wahlen bestimmt werde – von Landtags-, über Europa- bis hin zu Bundestagswahlen. Dadurch werde häufig nur kurzfristig geplant, während langfristige Perspektiven immer wieder in den Hintergrund gerieten. Sie betonte, dass Probleme wie die Klimakrise, hohe Mieten oder ein Bildungserfolg, der vom Geldbeutel der Eltern abhängt, keine individuellen Schicksale seien, sondern zentrale politische Aufgaben.
Die demokratischen Kräfte hätten zuletzt häufig eher den Status quo abgesichert, statt Fortschritt aktiv zu gestalten.
„Wir müssen endlich in die Offensive kommen und auch ein bisschen mehr für eine Vision von der Zukunft kämpfen.“
Ricarda Lang, Mitglied des Bundestages (B’90/Grüne)
Lang forderte eine Kommunikation, die dorthin geht, wo es „unangenehm ist“ und Widerspruch auslöst. Social Media sieht sie dabei als Möglichkeit, Menschen zu erreichen, die bislang nur wenig Kontakt zu Politik hatten – allerdings nur dann, wenn man ihnen auch inhaltlich etwas zumuten wolle.
Die „re:publica“ zählt zu den wichtigsten europäischen Digital-Konferenzen. In diesem Jahr geht es unter anderem um Europas digitale Unabhängigkeit von großen Akteuren aus den USA oder China.
Parteien der Mitte oft zu „schlapp“
In einer Welt, die von Unsicherheit geprägt sei, hätten populistische Parteien nach Einschätzung von Wulf Schmiese, stellvertretender Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios, einen strategischen Vorteil. Sie seien „rein handwerklich besser“ darin, komplexe Probleme auf einfache Antworten herunterzubrechen. Die Parteien der Mitte agierten dagegen „viel zu schlapp“, um junge Wählerinnen und Wähler wirksam von ihren Positionen zu überzeugen.
Schmiese beschrieb zudem ein „Kipppunktgefühl“: Junge Menschen erlebten heute, dass die Zukunft erstmals düsterer wirke als die Vergangenheit der Eltern. In dieser Phase der Verunsicherung hätten populistische Kräfte bei der Kommunikation einen besonderen Vorteil.
„Never gonna give you up“ als Motto: Bei der re:publica gehe es unter anderem um Vertrauen in die digitale Zukunft. Im Fokus stehe dabei Europas digitale Souveränität – also mehr Unabhängigkeit von Tech-Giganten.
Ausblick auf die kommenden Wahlen
Mit Blick auf bevorstehende Wahlen in Ostdeutschland warnte Vincent-G, dass aus dem „lauen Lüftchen“ der Mitte endlich ein spürbar stärkerer Wind werden müsse. Während Amthor auf die „Kraft des Kompromisses“ setzt, um den Erfolg extremer Parteien zu verhindern, mahnte Lang eindringlich vor den Folgen einer Regierungsbeteiligung der AfD. Eine solche Beteiligung würde ihrem Warnbild zufolge das Leben von Millionen Menschen unmittelbar verschlechtern.
Am Ende der Debatte waren sich alle Beteiligten einig: Nur wenn das Vertrauen in die politische Zukunft wiedergewonnen werde, lasse sich die Zukunft der Demokratie sichern.