Markus Lanz hat Bundeskanzler Friedrich Merz’ Aussage, es sei „ein gutes Jahr“ gewesen, in seiner Sendung deutlich in Frage gestellt. Sepp Müller (CDU) widersprach und stellte vor allem wirtschaftspolitische Maßstäbe in den Mittelpunkt, während Felix Banaszak (Grüne) von einem massiven Vertrauensverlust der Bevölkerung sprach.
Sehen Sie hier die Sendung Markus Lanz vom 20. Mai 2026.
Seit rund einem Jahr steht Friedrich Merz an der Spitze der Bundesregierung. Zugleich nimmt die Kritik zu: In einer aktuellen Forsa-Erhebung geben nur noch 13 Prozent der Bürgerinnen und Bürger an, mit seiner Amtsführung zufrieden zu sein. Auch die Werte für die Regierung liegen demnach niedrig; lediglich 11 Prozent äußern sich positiv.
Trotz der geringen Zustimmungslage und der insgesamt angespannten Stimmung im Land äußerte sich Merz bei einem Besuch der SPD-Bundestagsfraktion dennoch mit den Worten von „einem guten Jahr für uns“.
- Merz fordert die Koalition zu mehr Gelassenheit auf: „Wir brauchen jetzt Ruhe“.
Am Mittwochabend wollte Markus Lanz vom stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Sepp Müller, konkret wissen, wen der Kanzler mit „für uns“ gemeint habe. Lanz fragte nach: „Für den Kanzler? Für die Union? Für die Regierung? Fürs Land? Für wen?“
Zuletzt habe die schwarz-rote Koalition im Krisenmodus agiert. Merz will bei dem Treffen mit der SPD-Fraktion offenbar stärker auf Gemeinsamkeit setzen und den öffentlichen Streit reduzieren.
Müller: Kein gutes Jahr ohne mehr Wirtschaftswachstum
Sepp Müller erklärte, er gehe davon aus, dass Merz mit seiner Formulierung vor allem die Europäische Union sowie das „Außenbild von Deutschland“ im Blick gehabt habe.
„Ich gehe fest davon aus, dass Friedrich Merz dort die Außenpolitik gemeint hat. Innenpolitisch müssen wir besser werden.“
Sepp Müller, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundesfraktion
Müller betonte, gerade beim Wirtschaftswachstum sei man nicht dort, wo man hin wolle. Daraus folge, dass es insgesamt kein gutes Jahr für Deutschland gewesen sein könne. Für die Innenpolitik müsse mehr umgesetzt werden, sagte Müller; nötig sei vor allem Wirtschaftswachstum.
Der CDU-Politiker sagte zudem: „Ich kann den Unmut [der Bevölkerung] vollkommen verstehen, weil wir eine Erwartungshaltung geweckt haben, gemeinsam in der Verantwortungskoalition zwischen Sozialdemokraten und Union.“
Immer wieder hob Müller hervor, dass es außenpolitisch im vergangenen Jahr besonders gut gelaufen sei. Genannt wurden unter anderem Ergebnisse im Zusammenhang mit Mercosur, Indien und die Einigung innerhalb der Europäischen Union. Auch bei der Rückkehr „beim Verbrenner-Aus“ verwies er auf Erfolge.
Merz hatte die SPD-Fraktion erstmals besucht. Der Besuch erfolge nach Spannungen in der Koalition, um Union und SPD wieder geschlossener auftreten zu lassen.
Quadbeck ordnet Merz’ Aussage als „Quatsch“ ein
Im Anschluss wollte Lanz von der Chefredakteurin des „Redaktionsnetzwerks Deutschland“, Eva Quadbeck, wissen, ob es sich bei der Äußerung von Müller um „Realitätsverweigerung“ handle. Quadbeck antwortete:
„Im Regierungsviertel – das macht ja nicht nur die Union so – hat sich eine Sportart breitgemacht, dass man alles schönredet.“
Eva Quadbeck, Chefredakteurin Redaktionsnetzwerks Deutschland
Quadbeck machte klar, das Jahr sei aus ihrer Sicht nicht gut gewesen. Die Regierung habe spürbar Vertrauen verloren. Außerdem verwies sie auf schlechte Wirtschaftsdaten. Zudem stünden Landtagswahlen bevor, die sie als Gefahr für die Substanz der Demokratie bezeichnete. Wenn der Kanzler sage, „das war ein gutes Jahr“, sei das ihrer Ansicht nach „natürlich Quatsch“.
„Das war in Teilen ein verlorenes Jahr, weil die Koalition nicht schnell genug gearbeitet hat.“
Quadbeck führte weiter aus, die Regierung habe ihre Versprechen nicht einlösen können. Auch sei es nicht gelungen, den Menschen Hoffnung zurückzugeben. Das liege ihrer Darstellung zufolge auch daran, dass nicht klar genug kommuniziert worden sei, welche konkreten Probleme sich für Deutschland aus der internationalen Krisenlage ergeben.
Als zusätzlicher Faktor komme der „desolate Zustand der Koalition“ hinzu.
Der Kanzler hatte zudem auf dem Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbunds weitreichende Reformen gefordert. Seine Rede sei dabei von Pfiffen und Buhrufen begleitet worden.
Banaszak: Großer Vertrauensverlust gegenüber der Regierung
Mit Blick auf die schlechten Umfragewerte von Regierung und Kanzler sagte der Co-Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Felix Banaszak:
„Regieren ist schwierig in dieser Zeit. Ob jetzt eine andere Regierung bei 80 Prozent Zustimmung wäre und nicht bei 80 Prozent Ablehnung, weiß ich nicht.“
Felix Banaszak, Co-Vorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen
Banaszak ergänzte: „Ich glaube, der große Vertrauensverlust kommt daher, dass die Kluft zwischen dem, was eigentlich notwendig wäre, was die Bedürfnisse sind, was die Erwartungen, auch die Versprechungen waren, und dem, was am Ende rauskommt, einfach unfassbar groß geworden ist.“
Der Koalitionsausschuss wolle am 30. Juni zusammenkommen, um ein umfangreiches Reformpaket auf den Weg zu bringen. Banaszak bezeichnete den Termin dabei als „neuen Countdown“ oder „Showdown“.
Am 30. Juni werde es nach seinen Worten ein großes Reformpaket geben, das Themen wie Rente, Arbeitsmarkt, Digitalisierung sowie den Abbau von Bürokratie umfasse. Es handle sich demnach um den einen Tag, an dem alle Probleme Deutschlands gelöst werden sollen – eine Erwartung, die die Regierung in diesem Arbeitsmodus jedoch kaum erfüllen könne.
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