Los Angeles steht derzeit vor unbequemen Fragen darüber, wer oder was die Stadt ausmacht – und welche politische Antwort darauf zu geben ist. POLITICO nimmt dies am heutigen Mittwoch zum Anlass, sich erstmals mit einem eigenen Event in Los Angeles zu präsentieren und die zentralen Streitpunkte zur Rolle der Stadt, zu ihren Herausforderungen und zu den Konsequenzen für die Politik zu beleuchten.
LOS ANGELES – Zunächst wird Randy Newman in den Vordergrund gerückt: POLITICO startet in Los Angeles. Allerdings sind die Einwohnerinnen und Einwohner in vielen Bereichen nicht in Jubelstimmung. Die prägende Branche der Stadt schwächelt, die Erholung von den verheerenden Waldbränden vom vergangenen Jahr kommt nur schleppend voran, und im politischen Wettbewerb mischt sich mit Spencer Pratt aus den frühen 2000er-Jahren ein Fernsehbekannter in die Debatte. Der ehemalige Reality-Star aus „The Hills“ macht aus dem Bürgermeisterrennen ein nationales Medienereignis – mit einem Wahlprogramm, das Los Angeles als von „zombieartigen“ Drogenabhängigen überrollt darstellt.
In Summe drängen sich damit Fragen nach der Identität der Stadt auf – und genau diese will POLITICO am Nachmittag in den Mittelpunkt stellen. Zunächst führt Melanie ein Gespräch mit der amtierenden Bürgermeisterin Karen Bass. Sie galt einst als besonders beliebte gewählte Vertreterin in der Region, doch seit den Waldbränden hat sie zunehmend Mühe, wieder in ruhiges Fahrwasser zu gelangen. In der Ansprache an die Wählerinnen und Wähler wirbt sie um „Zeit, um meine Arbeit zu beenden“, wie sie am Wochenende gegenüber MS NOW sagte. Gleichzeitig sieht sie sich einer Gegenbewegung ausgesetzt: Aus dem Umfeld einer früheren Verbündeten kommen kritische Stimmen, denn Ratsmitglied Nithya Raman sowie Spencer Pratt drängen nun in den Wettbewerb – der Reality-Bekannte, der bereits zuvor als medienwirksamer Akteur aufgefallen war.
Pratt reitet dabei vor allem eine Welle der Aufmerksamkeit. Sie speist sich aus Versprechen, die Obdachlosigkeit konsequent zu bekämpfen – allerdings ohne konkrete Umsetzungsschritte zu skizzieren. Zusätzlichen Zulauf erhält die Kampagne durch virale Videos, die Fans im Stil von Batman- und Star-Wars-Motiven sowie mit KI-Elementen produziert haben. Ob die Attraktion des ungewöhnlichen Kandidaten in einem tiefblauen Los Angeles irgendwann abflacht, bleibt offen. Doch derzeit scheint sie eine Stimmung zu treffen, die in der Stadt weit verbreitet ist: eine grundlegende Existenzangst, die sich in politische Entscheidungen übersetzt. Genau dieser Tonfall stellt für die Bürgermeisterin einen schwierigen Balanceakt dar, während sie sich um eine Wiederwahl bemüht.
Im Anschluss steht eine Podiumsdiskussion zur Brand- und Wiederaufbaupolitik in Los Angeles auf der Agenda. Dabei diskutieren die Aufsichtsratsvorsitzende Kathryn Barger, deren Zuständigkeitsbereich auch das von Bränden schwer getroffene Altadena umfasst, sowie Miguel Santana, Präsident und Geschäftsführer der California Community Foundation. Die Gesprächsleitung übernimmt Liam Dillon. Er hat sich in den vergangenen Monaten intensiv mit dem Wiederaufbau beschäftigt – unter anderem mit einer Analyse, die zuletzt zu dem Ergebnis kam, dass die Versprechen einer „schneller als je zuvor“ voranschreitenden Erholung nicht zu den lokalen Daten zu Genehmigungsverfahren passen.
Auch Daniel Miller, der neueste Neuzugang im Team, wird sich in einem weiteren Gespräch mit dem aktuellen Zustand der Unterhaltungsbranche befassen. Dazu gehören Produktionsanreize, die wachsende Verunsicherung durch Künstliche Intelligenz sowie Macht- und Interessenpolitik innerhalb des Entertainment-Geschäfts. Gesprächspartner sind dabei Kathy Bañuelos von der MPAA sowie Adam Conover. Conover ist Autor, Schauspieler und Mitglied des Vorstands der Writers Guild of America West.
Der Blick auf Hollywood führt zugleich zu einer Entwicklung, die Daniel und Jeremy B. White in ihren heutigen Beiträgen beschreiben: In der Branche zeichnet sich demnach eine deutliche Veränderung im Verhalten von Spendern ab. Lange Zeit wirkte die Industrie vor allem über ihren Einfluss auf die Präsidentschaftspolitik – zuletzt besonders sichtbar durch ihren Widerstand gegen Donald Trump. Nun steuert sie offenbar auf die Midterms mit einer dringlicheren und stärker eigennützigen Agenda zu. Dabei rückt weniger die Unterstützung durch Prominente oder die Verfolgung nationaler beziehungsweise internationaler Anliegen in den Vordergrund, sondern die Sorge von Beschäftigten und Führungskräften, dass Kalifornien seine zentrale Rolle als Geschäftsstandort verlieren könnte.
Eine der treibenden Fragen ist die Angst vor einem Abwandern von Produktionen in andere Bundesstaaten und ins Ausland. Zugleich wird das gesamte Medien- und Entertainment-Umfeld von einer größeren Umbruchphase erfasst: Medienkonzentrationen, die Verdrängungs- und Umwälzungskraft der Künstlichen Intelligenz sowie weitere Belastungen bringen die Branche in Bewegung und sorgen dafür, dass sie in Wahlkämpfen ein neues Gewicht erhält – etwa im Rennen um das Gouverneursamt, im Wettbewerb um das Amt des Bürgermeisters in Los Angeles sowie in anderen Kampagnen für Mandate auf nachgeordneter Ebene. Damit werden Kandidatinnen und Kandidaten zunehmend gezwungen, eine Frage zu beantworten, die viele früher leichter umgehen konnten: Was genau werden sie tun, um Hollywood zu erhalten?
„Es stimmt zu hundert Prozent, dass die Basis – also die Menschen, die entweder spenden oder versuchen, Kolleginnen und Kollegen in der Branche für Spenden zu mobilisieren – sich viel stärker auf lokale und staatliche Politik konzentriert als auf nationale Themen in den letzten Jahren“, sagte Alex Franklin. Er arbeitet als Talentmanager bei Zero Gravity Management und vertritt dort unter anderem Kameraleute und Produktionsdesigner. „Es tauchen mehr Fragen auf wie: ‚Wer ist am besten für Hollywood?‘“