Geoengineering-Pläne: Firma will Erde mit Kieselsäurepartikeln kühlen und verdienen

Eine Geoengineering-Firma will mit winzigen Partikeln aus Kieselsäure Sonnenstrahlen abschirmen und dabei Milliarden verdienen. Das Unternehmen, das die Abkühlung der Erde über sogenanntes „Solar-Geoengineering“ vorantreiben möchte, hat seine bisher weitgehend verdeckten Pläne zur Verhinderung einer zu starken Erwärmung des Planeten offengelegt.

Technik, Finanzierung und bisherige Geheimhaltung

  1. Der Ansatz basiert auf Aerosolpartikeln, die etwa 125-mal kleiner sind als die kleinsten Körner Sand.
  2. Die Firma Stardust Solutions hat seit 2023 insgesamt 75 Millionen US-Dollar eingeworben. Die Investoren setzen darauf, dass die Erderwärmung so stark aus dem Ruder laufen könnte, dass Regierungen bereit wären, das israelisch-amerikanische Startup für das Ausbringen großer Mengen lichtreflektierender Aerosole in der Stratosphäre zu bezahlen.
  3. Bislang waren die Vorhaben besonders abgeschirmt: Wissenschaftler sollten zunächst Geheimhaltungsvereinbarungen unterzeichnen, bevor sie die möglicherweise planetenverändernden Technologien untersuchen durften.

Offenlegung der Partikel und der vorgesehenen Ausbringung

  1. Am Donnerstag stellte das Unternehmen die Zusammensetzung seiner eigenen Partikel vor.
  2. Die Partikel bestehen demnach aus amorpher Kieselsäure, sind 0,5 Mikrometer groß und damit nur mit einem Mikroskop erkennbar.
  3. Stardust machte außerdem Angaben zu Systemen, mit denen die kugelförmigen Partikel rund 11 Meilen über dem Erdboden verteilt werden könnten.
  4. Darüber hinaus nannte die Firma Möglichkeiten zur Beobachtung der Partikel, während sie nach der Ausbringung zur Erde zurückfallen.

Der CEO von Stardust, Yanai Yedvab, erklärte in einer Stellungnahme: Die Grundannahme sei von Anfang an gewesen, dass Regierungen die Technologie zur Sonnenreflexion nur dann ernsthaft prüfen würden, wenn das Unternehmen belastbare, wissenschaftlich gestützte Lösungen für sämtliche Herausforderungen und Bedenken liefere und nachweise, dass das Vorgehen sicher, praktisch umsetzbar und steuerbar sei. Die heute veröffentlichten Details seien ein wesentlicher Schritt in diese Richtung.

Einordnung: Was Solar-Geoengineering leisten soll

Stardust positioniert sich als Akteur im Bereich Solar-Geoengineering, das als theoretische Option gilt, Wolken zu verändern oder andere Eigenschaften der Atmosphäre so zu beeinflussen, dass Sonnenstrahlung abgefangen wird, bevor sie die Erdoberfläche erreicht. Weitere Konzepte sehen etwa großflächige Sonnenschirme im Weltraum vor oder die Bildung von reflektierenden, blasenartigen Mischungen aus Meeresschaum, um die Menge an Wärme zu verringern, die die Ozeane absorbieren.

Geoengineering unterscheidet sich damit von anderen Reaktionen auf den Klimawandel: Zwar kann es theoretisch die Erderwärmung senken, es beseitigt jedoch nicht die Ursache, nämlich die Verbrennung fossiler Brennstoffe. Das bedeutet, dass die Welt ohne entschiedene Emissionsreduktionen faktisch von Solar-Geoengineering abhängig bleiben könnte, bis Staaten die Nutzung von Öl, Gas und Kohle auf ein als sicher geltendes Niveau zurückgeführt haben und anschließend überschüssige Klimabelastungen aus Luft und Meeren entfernt werden.

Veröffentlichung im Kontext von Politik und Klimakrisen

Die neuen Angaben zu Stardusts Kieselsäurepartikeln und weiteren Systemen fielen zeitlich zusammen mit einem seltenen bilateralen Treffen von US-Präsident Donald Trump und dem chinesischen Staatschef Xi Jinping in Peking. Zugleich hatten extreme Hitze und langanhaltende Trockenheit in diesem Jahr Rekordwerte erreicht und in den USA sowie in Südostasien historische Großbrände ausgelöst. Obwohl Klima- und Geoengineering nicht auf der Agenda des Gipfels stand, dürfte die Unterstützung – oder zumindest das stillschweigende Akzeptieren – beider Staaten für eine spätere Ausbringung der Partikel und für die Rückzahlung der Investitionen entscheidend sein, wie Analysten einschätzen.

Erin Sikorsky, die während der Amtszeit von Barack Obama im National Intelligence Council tätig war und heute das Center for Climate and Security leitet, sagte: Aufgrund der Größe seien solche Partikel „wichtige Akteure“ in diesem Zusammenhang, womit sie die USA und China meinte. Diese Staaten könnten, wenn sie wollten, verhindern, dass jemand das Vorhaben umsetzt. Das spiele für ein Unternehmen wie Stardust eine Rolle.

Yedvab erklärte per E-Mail, dass der Zeitpunkt der Veröffentlichung „nicht“ mit dem Treffen zwischen den USA und China zusammenhänge.

Publikation in Fachartikeln und Stand wissenschaftlicher Begutachtung

Die zusätzlichen Details zu den Kieselsäurepartikeln und anderen Komponenten wurden in sechs wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlicht, die das Unternehmen online zugänglich machte. Die meisten Beiträge seien gemeinsam mit Expertinnen und Experten an führenden Universitäten verfasst worden, allerdings seien die Texte noch nicht im Prozess der Begutachtung durch unabhängige Fachkollegen („Peer Review“) angekommen. Dieser Schritt gilt als zentral im wissenschaftlichen Publikationswesen, bei dem weitere Forschende Ergebnisse prüfen und kommentieren.

Patente und zwei Partikel-Varianten

Stardust arbeitet derweil an Patentanmeldungen für seine Partikel sowie weitere Technologien, was ein Kernelement der Unternehmensstrategie darstellt. Zudem erklärte das Unternehmen, die Arbeiten auch bei Fachzeitschriften einzureichen.

Das Startup entwickelt zwei Varianten auf Basis amorpher Kieselsäure. Eine Ausführung sei laut einer Zusammenfassung der Forschung „vollständig biologisch unbedenklich“, in großem Maßstab bereits heute herstellbar und in der Validierung „auf einem weit fortgeschrittenen Stand“. Eine ähnlich dimensionierte zweite Version enthält nach Unternehmensangaben einen Kern aus Calciumcarbonat, der die Sonnenstrahlung wirksamer blockieren soll.

In der Zusammenfassung heißt es außerdem, beide Konstruktionen seien so entworfen, dass sie nach dem Absinken auf den Boden wieder in vorhandene natürliche Kreisläufe zurückgeführt werden.

Unterschied zu kristalliner Kieselsäure und potenzielle Gesundheitsrisiken

Amorphe Kieselsäure weist eine andere Atomstruktur auf als kristalline Kieselsäure. Letztere gilt als reaktive und gesundheitlich problematische Staubform, die beim Schneiden oder Zertrümmern bestimmter Gesteinsarten freigesetzt wird. Stardust verwendet in seinem Verfahren keine kristalline Kieselsäure. Nach Angaben zur Risikoeinschätzung sei amorphe Kieselsäure bei geringen Dosen nicht als Gesundheitsgefahr für Menschen bekannt; das geht aus einer Krebsforschungseinrichtung der Weltgesundheitsorganisation hervor.

Frühere Investorenpläne und Kritik aus der Wissenschaft

Stardust hatte Investoren zuvor mit einer Idee zur „globalen vollständigen Einführung“ ab dem Jahr 2035 geworben, wie ein zuvor bekannt gewordenes Investorendokument darlegte. Für diesen Zeitpunkt nannte das Deck ein erwartetes Umsatzniveau von rund 1,5 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Das Unternehmen erklärte, dass die Präsentation aus dem Jahr 2023 nicht mehr die aktuelle Sichtweise widerspiegele.

Einige Forschende bleiben skeptisch, nicht nur gegenüber Stardust, sondern auch gegenüber anderen Firmen, die Solar-Geoengineering betreiben. Sie befürchten, die Technik könne missbraucht werden – gerade in einer Phase, in der die internationale Zusammenarbeit erodiert.

Reaktionen: Forderung nach unabhängiger Governance

Shuchi Talati, Exekutivdirektorin der Organisation Alliance for Just Deliberation on Solar Geoengineering, sagte: Die Ankündigung sei ein deutliches Beispiel dafür, warum eine Selbststeuerung, die von gewinnorientierten Akteuren getragen werde, nicht funktioniere. Das Unternehmen könne nicht seine eigenen Leitlinien schaffen und sich dann dafür selbst loben, sie einzuhalten. Es könne auch nicht Sicherheit nach eigenen Maßstäben definieren und anschließend eigenständig bestätigen, dass die Anforderungen erfüllt seien. Das Feld brauche eine koordinierte, legitime und unabhängige Form der Forschungssteuerung.

Talatis Organisation arbeitet mit dem Natural Resources Defense Council, der American Geophysical Union sowie weiteren Gruppen daran, Standards für Forschung und Entwicklung im Bereich Solar-Geoengineering festzulegen.

Hannah Safford, die während der Biden-Regierung als Beraterin für Klimapolitik im Weißen Haus tätig war, ergänzte: Es laufe selten gut, wenn jene, die eine global bedeutsame Technologie entwickeln, zugleich für deren Governance verantwortlich sind.

„In den Vereinigten Staaten hat die Regierung eher Interesse gezeigt, Klimaforschung zu verbieten, statt eine neu entstehende Technologie umsichtig zu steuern“, sagte Safford, die inzwischen bei der Federation of American Scientists arbeitet. „Das öffnet anderen Ländern, Unternehmen und einzelnen Personen Tür und Tor, vorauszulaufen – und wir könnten die Entscheidungen, die sie treffen, am Ende nicht mögen.“