Im Westen Großbritanniens liegt ein Regenwald, den viele Menschen hierzulande kaum kennen: Eichenwälder an der Küste von Cornwall, in Teilen von Wales und in Schottland. Aktivisten und Wissenschaftler versuchen, diese seltenen Bestände sichtbar zu machen – und zugleich neue Flächen zu schaffen, während der Klimawandel den Druck auf die Natur weiter erhöht.
Waldschutz in Großbritannien: Wer rettet Englands Regenwald?
Aktiv im Einsatz ist dabei Merlin Hanbury-Tenison, ein Afghanistan-Veteran, der nach Krieg und tiefer seelischer Belastung in der Natur Halt gefunden hat. In seinem Umfeld berichtet er, dass sich durch gezielte Pflanzungen und Forschung wieder Hoffnung entwickeln soll – sowohl für den Wald als Lebensraum als auch für Menschen, die in ihm Heilung suchen.
Hanbury-Tenison beschreibt den Verlust eindrucksvoll: Einst seien etwa ein Fünftel der britischen Inseln von Regenwald bedeckt gewesen, heute liege der Anteil bei weniger als einem Prozent. Für ihn ist die Frage nach dem „Warum“ eng mit dem Klima und dem Artenreichtum verknüpft. Regelmäßige Regenfälle vom Atlantik hätten die Eichenwälder im Westen geprägt und besondere Lebensräume entstehen lassen. Auch im Winter bleibe es dort vergleichsweise mild.
Auf knorrigen Ästen würden sich zudem zahlreiche Organismen ansiedeln: Bis zu 600 Arten von Pilzen, Moosen und Flechten nennt Hanbury-Tenison als Kennzeichen dieser gemäßigten Regenwälder. Gerade diese Kombination mache den Lebensraum so einzigartig.
Er selbst sei mit diesen Eichenwäldern aufgewachsen. Nach dem Militärdienst in Afghanistan überlebte er nach eigenen Angaben nur knapp eine Explosion einer Mine unter seinem Panzer. Danach folgten Jahre in London, geprägt von einem stressigen Job im Finanzbereich – bis es zum Zusammenbruch kam. „Ich hatte eine posttraumatische Belastungsstörung“, sagt er. „Aber ich konnte zu diesem Wald zurückkehren, mich zurückziehen und heilen.“
Der Effekt sei unmittelbar zu spüren: Schon nach rund einer halben Stunde sinke der Cortisolwert deutlich, und das Niveau bleibe noch bis zu zwei Wochen entsprechend niedriger.
Regenwald jahrhundertelang gerodet
Diese Erfahrungen will Hanbury-Tenison nun nicht für sich behalten. Er möchte sie mit anderen Veteranen teilen, die ebenfalls versuchen, nach Traumata wieder in ein stabiles Leben zu finden. In einer Zeit, in der psychische Erkrankungen in vielen Teilen der westlichen Welt stark zunehmen, könnten solche Wälder ein nützliches Werkzeug sein, um gegen das Problem anzukämpfen.
In seinem Buch setzt er sich außerdem mit der Geschichte der Landschaft auseinander: Es gebe weltweit weniger Regenwald der gemäßigten Breiten als tropische Wälder. Und das, was viele heute als typische britische Landschaft ansehen, sei in Wahrheit ein Zeugnis jahrhundertelanger Rodungen. Viele hätten offenbar vergessen, dass die Inseln einst bewaldet waren. Der Mensch habe den Wald für Industriezwecke entfernt, unter anderem für den Schiffbau, aber auch für Schafsweiden.
Engagement für den vergessenen Regenwald
Die Folgen dieser Entwicklung seien bis heute sichtbar. Das Vereinigte Königreich verfüge nur noch über rund 14 Prozent Waldfläche. Damit zählt das Land zu den Staaten mit dem geringsten Anteil in Europa und weise zugleich eine im Vergleich geringe Biodiversität auf.
Welche Auswirkungen die Zerstörung solcher Lebensräume weltweit auf das Klima hat, wollen eine Umweltreporterin und eine Wissenschaftlerin im Rahmen einer Amazonas-Expedition genauer untersuchen. Der Blick soll dabei helfen zu verstehen, wie sich Veränderungen in einem Ökosystem auf größere Zusammenhänge auswirken.
Parallel zu Forschung und internationalem Kontext wächst auch lokales Engagement. Ein Beispiel sind Pflanzaktionen, wie sie der Devon Wildlife Trust organisiert. Dabei würden vor allem heimische Arten eingesetzt, die laut den Planern besonders gut mit dem Klimawandel zurechtkommen.
„Es ist wirklich ein Projekt für die Zukunft“, heißt es aus dem Umfeld der Initiative.
Auch auf der Cabilla-Farm von Merlin Hanbury-Tenison soll ein ambitioniertes Vorhaben umgesetzt werden: Geplant ist, 100.000 neue Bäume heranwachsen zu lassen. Das Ziel wird mit „Rainforest Farming“ beschrieben.
Hanbury-Tenisons Vater Robin hatte auf dem Gelände über Jahrzehnte Ziegen und Rehwild gezüchtet. Ohne staatliche Unterstützung sei das jedoch nicht dauerhaft möglich gewesen – ebenso wenig wie eine Schafszucht. Nun will Merlin im Sinne des Projekts Schweine und Rinder im Regenwald halten.
Es bleibe damit zwar eine bewirtschaftete Landwirtschaft, so die Begründung. Gleichzeitig könne man aber die Artenvielfalt stärken, den Klimawandel abmildern und zugleich gesunde Lebensmittel erzeugen.
Robin Hanbury-Tenison, 90 Jahre alt, ist selbst als Regenwald-Forscher beschrieben. Er habe Expeditionen in die Tropen geleitet. Dass er erst später erkannt habe, dass auf seinem eigenen Betrieb ein etwa 4.000 Jahre alter Regenwald der gemäßigten Breiten existiert, sei eine bemerkenswerte Geschichte. Jetzt müsse es im Vereinigten Königreich heißen: „Rettet den Regenwald.“
Auch abseits der Farmen suchen Menschen nach neuen Wegen, wie Wald auf Körper und Psyche wirkt. Der frühere Golflehrer Marc Freukes lebt heute nach eigenen Angaben als Einsiedler im Wald. Gemeinsam mit Leon Windscheid schildert er, wie der Aufenthalt in der Natur ihm bei Burnout und Depression geholfen habe.
Pläne für ein Forschungszentrum
- Merlin Hanbury-Tenison will das Verständnis für den lange übersehenen Naturraum verbessern und dafür ein Forschungszentrum aufbauen.
- Geplant ist nach seinen Angaben das erste Zentrum in Europa, das sich auf den Regenwald der gemäßigten Breiten konzentriert.
- Zur Finanzierung gründete er den „Thousand Year Trust“.
- Der Trust soll laut Hanbury-Tenison dazu beitragen, Politik durch wissenschaftliche Erkenntnisse besser zu informieren – damit rechtliche Regeln und finanzielle Rahmenbedingungen geschaffen werden, um diese Wälder zu schützen, wiederherzustellen und auszudehnen.
In diesem Zusammenhang formuliert Hanbury-Tenison auch eine Leitidee: Man schütze den Wald nur dann nachhaltig, wenn man sich als „Regenwald-Volk“ auf einer „Regenwald-Insel“ begreife.
Er erinnert zudem an eine Legende: Vor rund 1.000 Jahren soll die Artusrunde auf der Suche nach dem heiligen Gral gewesen sein. Auch wenn Mythen in Großbritannien mit dem Regenwald verknüpft seien, hätten viele Menschen den Lebensraum inzwischen aus dem Blick verloren.
Käfer- und Pilzbefall an Bäumen: Der deutsche Wald stirbt ab
Wolf-Christian Ulrich ist ZDF-Korrespondent für das Vereinigte Königreich und Irland.
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