Gottfried Curio: Wird Bismarck bald geköpft?

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Im Zuge der „Black lives matter“-Demonstrationen wurden in den USA, Belgien und Großbritannien Denkmäler von angeblichen „Kolonialisten“ oder „Sklaventreibern“ beseitigt. Auch in Deutschland ist die linksextreme Szene krampfhaft auf der Suche nach überkommenen Statuen alter weißer Männer, die man vielleicht einmal umwerfen könnte. Ohne eigene Geschichte von Sklaverei (und das deutsche Kolonialreich blieb eine kurze Episode) muss man den Kontext allerdings an den Haaren herbeiziehen und böswillig nachgeordnete Gesichtspunkte historischer Personen aufblähen. Kant etwa möchte man vorwerfen, dass er in seiner Gelehrtenexistenz Wissen und Anschauung der damaligen Zeit über fremde Völkerschaften ordnend zusammenzutragen versuchte (dass er einer der Begründer des modernen Völkerrechts und der Aufklärung war, interessiert linke Ideologen dabei wenig). Da ein vermeintlich anzugreifender, ‚falscher‘ Stolz auf die Großen der Nation aber tatsächlich hierzulande nicht einmal für nennenswerte Kant-Statuen reichte, musste man weiter nach möglichen Objekten der Destruktion suchen – und ist auf Bismarck gestoßen, der praktischerweise deutschlandweit noch viele Standbilder und nach ihm benannte Türme aufweisen kann (dass diese allerdings nicht einer etwaigen Kolonialpolitik gedenken, sondern seiner Rolle als Architekt der Reichseinigung, übersehen die linken Bilderstürmer geflissentlich). So werden bereits erste Forderungen laut, das berühmte Hamburger Bismarckdenkmal einen Kopf kürzer zu machen, „so dass man nämlich die Monumentalität und Wucht dieses Denkmals aufbricht“ und „der alte Bismarck nicht mehr in seiner heroischen Pose mit dem Schwert Hamburg“ dominiert.

Diese ganze Debatte ist wieder einmal beispielhaftes Zeugnis der inneren Krisenhaftigkeit des geistigen Lebens: das Bewusstsein um das Kontinuum der Geschichte soll aufgesprengt werden. Der einzelne soll seinen historischen Standort nicht mehr definieren können, sondern sich quasi frei von geschichtlichem Ballast fühlen dürfen: so losgelöst ist er nicht mehr der Nachkommen von Ahnen, aber auch nicht Vorfahr zukünftiger Generationen, gegen die man auch eine metaphysische Verantwortung trägt. Ist man aber nicht mehr eingebettet in geschichtliches Dasein, wird auch die eigene Identität als willkürlich empfunden: man ist dann nur rein zufällig als weißer Deutscher geboren und der Afrikaner ist nur zufällig in Afrika geboren – warum sollte man also mehr Recht haben, hier zu sein, als der Afrikaner? Die Lüge, dass alle Menschen gleich wären, braucht gerade Identitätslose als willige Hörer – denn diesen erscheint sie einleuchtend.

So wird bereits in der Schule der ideologische Rahmen gesteckt, innerhalb dessen die Kinder denken sollen: durch eine bewusst selektive Vermittlung von Bildungsinhalten wird kein umfängliches Wissen um die eigene Geschichte und das eigene reichhaltige Erbe vermittelt. Lehrinhalte werden vielmehr schnell auf die Zeit der Weimarer Republik bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs verengt, die Zeit davor wird dann gerne unter dem ahistorischen Gesichtspunkt einer unausweichlichen Katastrophen-Logik wahrgenommen, als Wegbereitung Hitlers, und entsprechend arrogant bewertet. Statt durch eine chronologische, faktenreiche Übersicht ein Bewusstsein von Geschichte zu vermitteln, steht der Erwerb „narrativer Kompetenzen“ im Vordergrund – mit dem Ziel eines Dressur-Nachweises auf linke Mainstream-Erzählungen. Auch im Deutschunterricht sieht der Stoffkanon keine lebendige Kenntnis etwa von Gedichten oder das Lesen klassischer Stücke vor, im Musikunterricht erhalten die Schüler schon lange keinen Eindruck mehr über das reichhaltige musikalische Erbe Deutschlands sowie Europas und im Kunstunterricht werden weder die Leistungen von Architekten, Bildhauern und Malern gewürdigt noch auch nur ein kunstgeschichtlicher Überblick über die Stilepochen gegeben – so entfallen weitere wichtige Zugänge zur eigenen Kultur und Herkunft.

Je weniger sie aber wissen, desto weniger wissen sie, was sie verloren haben – und desto bereitwilliger geben sie es auch preis. Der Einzelne soll nicht mehr in nationalen und kulturgeschichtlichen Horizonten denken, sondern sich als Teil einer Weltgemeinschaft fühlen, nationale Sichtweisen werden als kleingeistig diffamiert. So ist der geistige Nährboden bereitet, um auch anti-nationale politische Agenda durchdrücken zu können: sei es Einwanderung, sei es EU-Superstaat. Um diese Entfremdung von der Herkunft weiter zu zementieren, dient auch der öffentliche Raum als Schlachtfeld um die geschichtliche Deutungshoheit. Zeugnisse kulturellen Erbes sollen aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden, da sie dem neuen geschichtslos-gesichtslosen Menschen entgegenstehen. Die Umbenennung von Straßen, Kasernen, Schulen und Universitäten, die Schändung von Denkmälern sind Symptom einer Geschichtsvergessenheit, mit der auch eine kulturelle Entfremdung einhergeht, die in alle Lebensbereiche ausstrahlt: von der Hässlichkeit moderner Architektur vor Augen über die Geschmacksverirrungen von Theaterinszenierungen bis hin zur Verblödung in Funk und Fernsehen – alles Symptom einer verflachten Gemütslage der Menschen. Als linke Utopie steht am Ende der Mensch ohne Identität – ohne Herkunft weiß er um nichts mehr, was zu bewahren oder zu verteidigen gälte.

Es muss wieder das Gefühl Raum greifen, dass Deutsch zu sein nicht zufällig und belanglos ist, sondern sinnhaft und wesentlich sein kann. Oder mit den mahnenden Worten eines weiteren alten weißen Mannes:

„Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleibt im Dunkeln  unerfahren, mag von Tag zu Tage leben.“

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