Gerald Grosz: Wer seine Wurzeln vernichtet, kann nicht wachsen

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Jährlich, wie das Amen im Gebet, wiederholt sich dank der demografisch rasanten und nur zu gern negierten Entwicklung unserer Gesellschaft die unheilige Diskussion über christliche Bräuche und Feiertage auf unserem Kontinent. Beginnend mit dem Martinsfest im November, das aus Gründen der säkularisierten Zeitgeistprostitution aus den Kindergärten wie manche Fleischsorten verbannt wurden, leiten wir dank des toleranten Kniefalls des geldgierigen Handels vom Weihnachtsstern in den Winterstern über, um selbstredend das Weihnachtsfest in Winterfest umzutaufen, auf der Schlachtbank der politisch Korrekten, der Toleranzprediger, der zurückhaltenden Feiglinge zu opfern. Dazwischen wird auch der Heilige Nikolaus samt dem Krampus aus rein pädagogischen Gründen selbstverständlich in die ewige Pension verräumt. Und auch die mit dem historisch schwer belasteten Namen „Christkindlmärkte“ titulierten Versammlungen, auf deren einst glühweingeschwängerten Wegen nun hübsche Betonpöller den Weg aus welchen Gründen auch immer versperren, enden selbstverständlich als Wintermärkte. Auch der Advent wird übrigens nur mehr in Einkaufswochenenden, Black Fridays und Cyber Mondays unterteilt. Es wird auch nicht lange dauern, werden die Weihnachtsgrippen ideologisch entleibt und in „bäuerlicher Stall mit Gästehintergrund“ umgetauft. Und Letzteres bezieht sich ausdrücklich nicht auf Ochs und Esel. Dass wir das Totengedenken Allerheiligen und Allerseelen längst mit dem Halloween-Geschrei nach Süßem oder Saurem getauscht haben, ist hingegen der geistigen Invasion anderer Strömungen geschuldet, zeigt aber recht eindeutig, wie rasch wir unsere eigene Herkunft zu vergessen gedenken, uns einreden lassen, sich für sie zu schämen. Die bald seit drei Jahrzehnten andauernden Bemühungen der Kulturkämpfer, auch das Kreuz in der Öffentlichkeit zu verhüllen, ist insofern schlüssig, als wir auch auf eine Gesellschaft der geistig Verhüllten zusteuern. Eine Gesellschaft, deren Historie zur Unkenntlichkeit getilgt und neutralisiert wurde, ohne sinnstiftende Identität inhaltlos und damit sinnlos dahinvegitiert, hat sich übrigens aufgegeben. Restlos! Wer seine eigene Kultur und seinen Glauben verleugnet, gegen den Relativismus eintauscht, aus unbegründeten Entgegenkommen aufgibt, darf sich aber nicht wundern, wenn er einst selbst eingetauscht wird, aufgegeben wird. Der Toleranzfaschismus, gepaart mit der Ideologie der Gleichmacherei, endet in einer gleichen Gesellschaft, und zwar in der Diktatur der belanglosen Idioten. Und bevor wir uns zu Ostern dann wiedersehen und vielleicht aus Rücksicht auf Gefühle, das Hochamt des gekochten Eies feiern, sei ein Zitat von Friedensreich Hundertwasser mit auf die Reise gegeben: „Wer die Vergangenheit nicht ehrt, verliert die Zukunft, wer seine Wurzeln vernichtet, kann nicht wachsen“.

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