Gerald Grosz: „Corona-Leugner“, das neue Totschlagsargument gegen Kritiker

1432

Jährlich sterben weltweit circa 640.000 Menschen an der saisonalen Grippe. Im Winter 2016/2017 beispielsweise wurden in Italien nicht weniger als 25.000 Grippetote registriert, jährlich sterben in Österreich mehr als 2.000 Personen an der Influenza oder ihren Folgewirkungen. Und gerade im Hinblick auf das expertenhafte Kaffeesudlesen von Politikern und ihren intellektuellen Stützrädern aus der Fachwelt, täglich verkündet in den anmutenden Kriegspressekonferenzen, sind Vergleiche nicht nur legitim, sondern geboten. Im vollen Wissen um diese unverbrüchlichen Zahlen und Fakten wird all jenen kritischen Geistern, die im Rahmen des weltweit ausgerufenen hypochondrischen Notstandes Besonnenheit und Augenmaß einfordern der neue, ja gleichsam autoritär verkündete Maulkorb „Corona-Leugner“ entgegengeschleudert. Nach dem Klimawandelleugner, gerichtet an all jene, die sich von einer 17jährigen apokalyptischen Reiterin des Weltuntergangs nichts diktieren lassen wollen, haben ausgewählte Vertreter ihrer eigenen subjektiven Wahrheit ein neues Totschlagsargument gegen jegliche Vernunft und einen aufgeklärten, kritischen Diskurs entwickelt.

Trotz des Wissens um diese Zahlen und der Weisheit, dass Leben eben zum Tode führt, haben Regierungen, von Angst und Panik getrieben, auf kurzfristige Umfragen in Krisensituationen schielend, der Welt das Licht ausgeblasen, das gesamte Leben in einer noch nie dagewesenen Vollbremsung zum Stillstand gebracht, Grundrechte ausgehöhlt, lösen mit diesem Chaos wahrscheinlich die größte Weltwirtschaftskrise seit Menschengedenken aus. Und jetzt könnten Sie mir nach diesen Worten vorwerfen, Humanismus am Altar der Wirtschaft zu opfern. Mitnichten: Wäre da nicht eine Studie des Londoner Imperial College, der zufolge zwischen 2008 und 2010 mehr als 500.000 Menschen an den Folgen der Weltwirtschaftskrise ihr Leben lassen mussten. Krebserkrankungen konnten nicht mehr angemessen behandelt werden, weil Einschnitte ins Gesundheitssystem vorgenommen wurden oder Menschen aufgrund ihrer Arbeitslosigkeit keine medizinische Hilfe mehr in Anspruch nehmen konnten. Die Dunkelziffer der weltweiten Suizide gar nicht miteingerechnet, die Folgeerkrankungen aufgrund von Depressionen und Arbeitsunfähigkeiten noch nicht einmal inkludiert. In Österreich steuern jeden Tag zigtausende Menschen auf die Arbeitsämter zu, Hunderttausende Klein- und Mittelbetriebe stehen vor dem Ende ihrer Existenz. Und da es ist nur gut und recht, ständig, jede Minute nach Zweckmäßigkeit der Maßnahmen, nach Besonnenheit und Augenmaß zu fragen. Als nachhaltig desaströs kann die Tatsache gewertet werden, dass die Regierungen in ihrem Krisenmanagement die letzten Wochen nur die Symptome des Corona Wahnsinns aber nicht die Ursachen bekämpften. Statt die Milliarden, die wir für unsere stillgelegte Wirtschaft nun aufwenden müssen, wäre angemessener und nachhaltiger gewesen, das gesamte Gesundheitssystem auf immer wieder kehrende Krisenszenarien vorzubereiten. Aber mittel- und langfristiges Denken sucht man in der Politik, die über den Tellerrand des Tagesgeschehens nicht hinausblickt, vergebens. Und das ist die eigentliche Quintessenz aus dieser Krise.

0 0 Bewertung
Artikel Bewertung
Folgt Politikstube auch auf: Twitter - Telegram

Loading...
1 Kommentar
Inline Feedbacks
View all comments